„Der Schnitt“

Ein Sachroman über Jungen, die heimlich weinen

 

Empört klappt die perfekt gekleidete Dame mittleren Alters das schmale Buch zu, dessen Seiten sie noch vor wenigen Augenblicken interessiert durch ihre Finger gleiten ließ. Als habe sie ein ekliges Insekt berührt, weist sie die Lektüre nunmehr von sich und sucht mit hochrotem Kopf das Weite.

 

„Nein ... besser gar nicht erst darüber nachdenken. Nachdenken ist Gift. Es bringt sowieso nichts. Vielleicht interessiert sich ja überhaupt niemand dafür, ob Jungen beschnitten werden oder nicht …“ (1)

 

Lukas Stoermer tut es. Gnadenlos richtet er die Aufmerksamkeit seiner Leser auf den mit Abstand häufigsten chirurgischen Eingriff bei Jungen überhaupt: Die Beschneidung der Penisvorhaut!

 

„Der Schnitt“ ist der erste deutsche Sachroman, der das Tabu der oft gedankenlosen, medizinisch meist unnötigen Beschneidung von Jungen thematisiert und mögliche körperliche und seelische Folgen dieser Operation aufzeigt. Damit tritt er heraus aus dem Schatten, in dem die männliche Beschneidung angesichts weltweiter Kritik an weiblicher Genitalverstümmelung bisher steht.

 

Stoermer fordert einen sensibleren Umgang mit dem berechtigten Wunsch von Jungen nach körperlicher Unversehrtheit(2) und mahnt eine umfassende, zeitgemäße Aufklärung an - sowohl durch Mediziner als auch im Rahmen des Sexualkundeunterrichts.

 

Der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund. Er beschreibt die erwachende männliche Sexualität genau so, wie sie ist. Das Beispiel des 13jährigen Manuel zeigt anschaulich, wie ein kleiner, scheinbar harmloser Eingriff das Selbstbewusstsein eines Jungen und den Nuancenreichtum seiner körperlichen Empfindungen ruinieren kann.(3) Dabei entschädigen die erbarmungslose Direktheit und die Außergewöhnlichkeit der Darstellung den Leser für die zuweilen etwas zäh fließende Rahmenhandlung:

 

Nach einem gescheiterten „Fluchtversuch“ von zu Hause und einer vorgetäuschten Entführung wird Manuel in ein Internat gesteckt. Schon der medizinische „Eingangscheck“ wird dem pubertierenden Teenager zum Verhängnis.

Die Untersuchung fördert bei Manuel eine Phimose zutage, eine Vorhautverengung. Im Handumdrehen bekommt er eine Überweisung zur Beschneidung in der nahegelegenen Klinik:  „Zirkumzision, vollständig“! Etwas anderes kommt überhaupt nicht in Frage! In den USA würden alle Jungen bereits nach der Geburt „von ihrer Vorhaut befreit“(4) erklärt die Anstaltsärztin vorwurfsvoll und Manuel fühlt sich plötzlich schmutzig und ungehorsam, weil er seine Vorhaut mit 13 noch immer nicht ganz zurück ziehen kann. Dazu kommt die Angst vor der Operation. Es ist doch „nur ein kleiner Routineeingriff. Danach wirst du nie mehr Probleme haben.“(5) tröstet die Ärztin mit dem amerikanischen Namen. Eine glatte Lüge, doch das wird dem schüchternen Jungen erst viel später bewusst …

 

Dass Manuel selbst gar kein Problem mit seiner Vorhaut hat, wird ignoriert. Alternative Behandlungsmethoden, wie etwa eine Salbentherapie oder eine vorhauterhaltende OP sind 1984, dem Beginn der Handlung, noch kein Thema, werden aber auch heute kaum angeboten, obwohl sie manchem Jungen Schmerzen und Leid ersparen könnten und sehr gute Erfolgsaussichten haben.(6)

 

Stattdessen geben sich Mutter und Schwester alle erdenkliche Mühe, Manuel die bevorstehende Amputation eines Teils seiner Genitalien mit fragwürdigen „Argumenten“ schön zu reden. Manuel, von der Situation völlig überfordert, schweigt und lässt die peinliche Prozedur widerwillig über sich ergehen.

 

Dabei hat Manuel vor gar nicht allzu langer Zeit ein unbeschreiblich schönes, berauschendes Gefühl entdeckt, das sich einstellt, wenn er die Vorhaut sanft auf seiner Eichel hin- und her gleiten lässt. Etwas vergleichbar Angenehmes hat der Junge zuvor noch nie erlebt.   

 

Es ist nur eine Ahnung, aber Manuel spürt, dass auf der kinderurologischen Station etwas mit ihm geschieht, das ebenso endgültig wie ungerecht ist. Von Anfang an empfindet er die OP als zutiefst erniedrigend. Die gesamte Station ist mit Jungen belegt, die an diesem Tag beschnitten werden sollen. Haben sie alle zur gleichen Zeit eine Phimose? Ist die Beschneidung vielleicht eine Strafe für Jungen, die sich nicht „ordentlich waschen“?(7)

 

Am Abend dieses Tages ist die Station „vorhautfrei“(8), wie eine Schwester ihrer Ablösung stolz verkündet. Überhaupt scheint diese sehr intime OP für das Klinikpersonal etwas bizarr Erotisches an sich zu haben. …

 

Die meisten von einer medizinisch indizierten Beschneidung Betroffenen sind Kinder oder Jugendliche. Sie haben kaum eine Chance, ihre eigene Meinung zu einem Eingriff zu äußern, der lebenslange Spuren hinterlässt.

 

Nicht selten ernten beschnittene Jungen hierzulande Hohn und Spott, fühlen sich minderwertig und verletzt.

 

Im Internat gibt es einen Jungen, von dem Manuel weiß, dass auch er beschnitten ist: David, ein Außenseiter. Ihm vertraut sich Manuel nach langem Zögern an. David hilft ihm über den Verlust seiner Vorhaut und des angenehmen, intensiven Gefühls beim Onanieren hinweg – und er zeigt Manuel, wie er Schmerzen vermeiden kann, Schmerzen, die er vor seiner Beschneidung nie hatte.

 

Ihr gemeinsames Schicksal schweißt Manuel und David zusammen – sie werden Freunde. Aus Angst vor dem Spott der Mitschüler meiden die beiden Jungen fortan Gelegenheiten, bei denen sie nackt gesehen werden könnten und grenzen sich dadurch selbst immer mehr aus.

 

Doch die Sticheleien der anderen,  „vollständigen“ Jungen gipfeln schließlich in Gewalt: Unter der Dusche und später bei einem Geländespiel werden David und Manuel überwältigt, gefesselt und bedrängt. Nur ein Zufall bewahrt die Beiden in letzter Sekunde davor, Opfer brutaler sexueller Misshandlungen durch die eigenen Mitschüler zu werden - und alles nur, weil sie „da unten“ anders sind …

 

Manuels erste erotische Begegnung mit einem Mädchen hat mit Liebe wenig zu tun. Claudia findet Manuels beschnittenen Penis exotisch. Trotz des schalen Beigeschmacks, nur benutzt worden zu sein, bleibt dem Jungen das Erlebnis in angenehmer Erinnerung.

 

Jahre später. Manuel ist erwachsen und verheiratet. Mit 9 Jahren muss sein Stiefsohn Benjamin an den Hoden notoperiert werden. Bei dieser Gelegenheit raten die Ärzte, den Jungen auch gleich beschneiden zu lassen – ohne jede medizinische Indikation! Eltern und Sohn widersprechen vehement! Der „Schnitt“ unterbleibt. Heute ist Benjamin kerngesund.

 

Gewidmet hat Lukas Stoermer sein Buch einem kleinen Jungen. Der damals vierjährige Franjo(9) starb im August 2006 in einem Hamburger Krankenhaus an einer Überdosis Glukose. Mit dem Wissen darum, dass seine Beschneidung, die eigentliche Ursache für den Krankenhausaufenthalt, gar nicht nötig war, ist Franjos Mutter seither allein.

 

© by Mario Lichtenheldt

 

Klappentext:

 

Lukas Stoermer, geboren 1971, studierte Jura und Neuere Geschichte. Er arbeitet als Anwalt und Freier Journalist. Sein Interesse gilt vorwiegend sozialethischen und medizinrechtlichen Fragen. Er lebt in der Nähe von Hamburg. „Der Schnitt“ ist sein erster Roman.

 

Kontakt: lukas.stoermer@yahoo.de

elbaol verlag für printmedien Hamburg

ISBN: 978-3-939771-05-0

190 Seiten, EUR 14,95#

 

(1)  Stoermer, „Der Schnitt“, S. 189.

(2)  Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art. 2 Abs. 2 Satz 1.

(3)  Siehe hierzu die ausführlichen Darstellungen:

 

Putzke, Stehr, Dietz: „Strafbarkeit der Zirkumzision von Jungen, Medizinrechtliche Aspekte eines umstrittenen ärztlichen Eingriffs“, in: Monatsschrift Kinderheilkunde 2008, © Springer Medizin Verlag 2008, S. 783 – 788;

 

Putzke: „Rechtliche Grenzen der Zirkumzision bei Minderjährigen, Zur Frage der Strafbarkeit des Operateurs nach § 223 des Strafgesetzbuches“, in: MedR (Medizinrecht) 2008, Springer Medizin Verlag, S. 268−272.

 

Putzke, „Juristische Positionen zur religiösen Beschneidung“, NJW (Neue Juristische Wochenschrift), Verlag C. H. Beck, 22/2008 S. 1568 – 1570.

 

(4)  Stoermer, „Der Schnitt“, S. 43.

(5)  Ebenda, S. 43.

(6)  Siehe Quellen unter (3) und: Balster, Saskia, TOPISCHE THERAPIE, Phimosebehandlung mit betamethasonhaltiger Salbe, in: MedReview, Zeitschrift für ärztliche Fortbildungskongresse, 12/2004, S. 10 ff., Blackwell-Verlag Berlin.

(7)  Stoermer, „Der Schnitt“, S. 42.

(8)  Ebenda, S. 52.

(9)  http://www.sternenkind-franjo.de/